Abnehmen bei Adipositas sei nicht das Problem: Das erklärt Professor Dr. Jörg Bojunga vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main beim Fortbildungskongress Pharmacon. Denn: Das eigentliche Problem sei es, das Gewicht zu halten. Mit den Wirkstoffen der Abnehmspritzen, fachlich „Inkretinmimetika“, ließe sich Gewicht effektiv verringern: In Studien ließ sich mit Semaglutid, dem bekanntesten Wirkstoff für Abnehmspritzen, etwa 15 Prozent, mit Tirzepatid etwa 22 Prozent und mit dem experimentellen Retatrutid fast 24 Prozent Gewicht reduzieren. Das seien beinahe Bereiche, die sonst mit operativen Maßnahmen zu erreichen seien, so der Mediziner.
Jojo-Effekt nach dem Absetzen der Abnehmspritze
Allerdings: „Wenn man nach einer Diät wieder normal isst, nimmt man wieder zu – der bekannte Jojo-Effekt“. Dieser Effekt tritt auch nach dem Absetzen der Abnehmspritzen-Wirkstoffe auf – sogar noch stärker, so eine Metaanalyse. „Aus diesem Grund raten wir von kurzfristigen Maßnahmen ab“, erklärte Bojunga. „Ein Einsatz der Medikamente für ein bis zwei Jahre ist daher nicht sinnvoll, sondern rausgeschmissenes Geld“.
Wie lange müssen Abnehmspritzen angewendet werden?
Ab welcher Dauer ist eine Therapie mit den Inkretinmimetika sinnvoll? Diese Frage sei noch unbeantwortet, berichtete der Mediziner. Die Fettzellen, die in Teilen für das starke Bedürfnis nach Essen (Food-Craving) und den Jojo-Effekt verantwortlich sind, würden bei Gewichtsreduktion nur kleiner, lebten aber noch etwa zehn Jahre. Daher empfiehlt der Referent, die Therapie für etwa drei bis fünf Jahre durchzuführen. Hier fehlten aber noch Langzeitdaten.
Sein Fazit aus den aktuellen Daten: Bei geringem Übergewicht seien vermutlich Lebensstiländerungen sinnvoller als Abnehmspritzen und bei starkem Übergewicht eine Kombination aus beidem.
Adipositas: Chronische Erkrankung
Insgesamt rief Bojunga zu einem Umdenken auf: „Adipositas ist keine Willensschwäche, sondern eine chronische Erkrankung.“ Bei der Krankheitsentstehung spiele die Entzündung eine Rolle – des Fettgewebes, der Leber, des Darms und vor allem des Gehirns. Deswegen betrifft Adipositas eine ganze Reihe von Organen und ist mit vielen Folgeerkrankungen wie Fettleber, Diabetes, Krebs-, Gelenk-, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz assoziiert.
Entsprechend seien die Inkretinmimetika auch keine Arzneimittel für den Lifestyle, sondern hätten neben dem Abnehmen eine Reihe von positiven Gesundheitseffekten. In Studien konnten sie etwa das Risiko für Krebserkrankungen senken, bei Menschen mit der Vorstufe von Diabetes (Prädiabetes) das Fortschreiten zum Diabetes aufhalten und die Beschwerden bei Atemaussetzern im Schlaf (Schlafapnoe) reduzieren. Das sind wesentliche, für die Gesundheit wichtige Ergebnisse, betont der Professor.
Ausblick auf zukünftige Arzneimittel
Der Experte geht davon aus, dass Semaglutid in höherer Dosierung und als Präparat zum Einnehmen auf den Markt kommen wird. Eine weitere Option in Deutschland könnte zukünftig der Wirkstoff Orforglipron sein, der ebenfalls geschluckt werden könnte. Er sei günstiger herzustellen und einfacher in der Anwendung, wirke aber etwas schwächer.