Der Body-Mass-Index (BMI) von Kindern folgt einem typischen Verlauf: Er steigt im Säulingsalter schnell an und erreicht im Alter von einem Jahr einen Höchstwert. Anschließend sinkt er allmählich ab und erreicht mit etwa vier Jahren einen Tiefpunkt, bevor er wieder zu steigen beginnt. Im Alter von sechs Jahren liegt der BMI dann meist wieder bei dem Wert, der im Alter von zwei Jahren gemessen wurde.
Jahrzehntelang ging man davon aus, dass der steigende BMI eine erneute Zunahme des Körperfetts widerspiegelt. Und es gab die Hypothese, dass Kinder, deren BMI schon früh zu steigen beginnt, später ein höheres Risiko für Adipositas haben. Das Phänomen wurde daher auch als „Adiposity Rebound“ bezeichnet, was übersetzt etwa „Rückkehr des Körperfetts“ bedeutet.
Neue Studie stellt die Theorie infrage
Diese Annahme stellt nun ein Forschungsteam um Professor Andrew Agbaje, Klinischer Epidemiologe und Kinderarzt an der University of Eastern Finland, infrage. Der Studie zufolge muss der Anstieg des BMI nicht zwingend auf mehr Körperfett zurückgehen. Er könnte auch mit dem natürlichen Aufbau von Muskelmasse und anderem fettfreien Gewebe zusammenhängen. Die Ergebnisse wurden auf dem European Congress on Obesity vorgestellt und im Journal of Nutrition veröffentlicht.
Für ihre Analyse werteten die Forschenden die Daten von 2.410 Kindern und Jugendlichen im Alter von zwei bis 19 Jahren aus dem US-amerikanischen Gesundheitsprogramm NHANES aus. Dabei verglichen sie den BMI mit der Waist-to-Height Ratio (WHtR), also dem Verhältnis von Taillenumfang zu Körpergröße.
BMI steigt – Körperfett aber nicht
Wie erwartet fiel der BMI zunächst ab und erreichte mit etwa sechs Jahren wieder den Wert aus dem zweiten Lebensjahr. Die WHtR zeigte jedoch ein anderes Bild: Sie sank bis etwa zum siebten Lebensjahr und stieg danach zwar leicht an, erreichte den Ausgangswert aus dem Kleinkindalter aber nie wieder. Nach Ansicht der Forschenden spricht das dagegen, dass der BMI-Anstieg durch mehr Körperfett verursacht wird. Stattdessen dürfte vor allem der Aufbau von Muskelmasse und anderem fettfreien Gewebe dahinterstecken – ein normaler Entwicklungsschritt.
Warum die Waist-to-Height-Ratio aussagekräftiger sein könnte
Der BMI setzt das Körpergewicht lediglich ins Verhältnis zur Körpergröße. Er unterscheidet jedoch nicht zwischen Fett, Muskeln, Knochen oder anderen Geweben. Deshalb kann ein steigender BMI auch auf eine gesunde Muskelzunahme zurückgehen. Die Waist-to-Height Ratio (WHtR) berücksichtigt dagegen den Taillenumfang und gilt als deutlich besserer Marker für überschüssiges Körperfett. Sie stimmt nach Angaben der Autoren zu rund 90 Prozent mit der Fettmasse überein, die mithilfe der Referenzmethode DXA (Dual-Röntgen-Absorptiometrie) bestimmt wird. Diese kann Körperfett und Muskelmasse zuverlässig voneinander unterscheiden.
Ergebnisse müssen noch bestätigt werden
Die Autoren bezeichnen den bisherigen „Adiposity Rebound“ sogar als eine Art BMI-Irrtum und plädieren dafür, die WHtR künftig stärker zur Beurteilung von Übergewicht bei Kindern einzusetzen.
Allerdings handelt es sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt Zusammenhänge, kann aber nicht beweisen, dass der BMI-Anstieg ausschließlich durch Muskelwachstum entsteht. Zudem müssen die Ergebnisse durch weitere Untersuchungen bestätigt werden, bevor sich daraus Änderungen für die medizinische Praxis ableiten lassen.